Sylvie Kraus
Violine

Vor allem Beethovens Tripelkonzert hat Sylvie Kraus aus der umfangreichen Plattensammlung der Eltern immer wieder gehört. „Das Werk hat mich so verzaubert, dass es mein innigster Wunsch wurde, es selber zu spielen. Am liebsten mit meinen Geschwistern. So kam ich zur Geige.“ Insbesondere mit ihrem Bruder spielte Sylvie Kraus unzählige Sonaten für Geige und Klavier. „Vom Blatt spielen übten wir dabei genauso wie Improvisieren. Wir gaben uns eine Melodie vor und dann ging es los, im Stile von Mozart, von Beethoven, von Chopin … das war sicher nicht immer meisterhaft, aber wir waren begeistert und entwickelten ein gutes Gefühl für die verschiedenen Stile.“ Während der Schulzeit gründete Sylvie Kraus mit Freunden eine „Gesellschaft für Neue Musik“. Gemeinsame Fahrten zu Festivals für Neue Musik gehörten ebenso dazu wie Begegnungen mit Komponisten wie Stockhausen, Cage, Boulez und Kagel. „Die Stimmung in den Konzertsälen war sehr lebendig, manchmal hochexplosiv. Auch das hat mich geprägt.“ Wichtig für ihre weitere musikalische Entwicklung war neben dem Geigenstudium in Köln die Arbeit mit dem Amadeus Quartett, außerdem ihr Jahr in einem Symphonieorchester, zahlreiche Kammermusikprojekte und die Zeit bei „Les Musiciens du Louvre“, wo Sylvie Kraus intensiv Werke und Spielweise der französischen Barockmusik kennen lernte. Entdeckt hat sie ihre Begeisterung für die Alte Musik durch eine Aufnahme der „Kunst der Fuge“ von Musica Antiqua Köln. „Diese Aufnahme hat mich so fasziniert, dass ich ein paar Wochen später eine Barockgeige besaß und mich in der Welt der barocken Klanggebung verlor.“ Ihre erste Begegnung mit Concerto Köln verbindet Sylvie Kraus vor allem mit der „Begeisterung, Power und Lustigkeit der Kollegen und mit dem Drive, den das Orchester entwickeln konnte. In dem Moment habe ich gedacht: `hier bist Du richtig`“. Bis heute schätzt sie an Concerto Köln vor allem „die Aufrichtigkeit, mit der musiziert wird und die Bereitschaft, sich mitreißen zu lassen.“ Am meisten freut sie sich auf das Unvorhersehbare, das immer wieder bei Proben passiert und auf all jene Konzerte, bei denen „das Publikum anschließend beglückt nach Hause geht, wenn wir viel gewagt und uns viel überrascht haben oder wenn uns eine Interpretation besonders gut gelungen ist.“ Als selbstverwaltetes Orchester lebt Concerto Köln davon, dass Musiker bestimmte Aufgaben und Funktionen übernehmen. Hier hat Sylvie Kraus vom Notenwart über die Programmgestaltung und die musikalische Leitung als Stimmführerin und Konzertmeisterin, Solistin und künstlerische Leiterin bis hin zur Ausarbeitung von Verträgen und der Prüfung von Geschäftsbüchern „fast alles mal gemacht, was man in diesem Ensemble übernehmen kann.“ Gerne arbeitet Sylvie Kraus mit Kindern und Jugendlichen. „Das brauche ich als Erdung. Außerdem ist es sehr lustig.“ 2011 gründete sie das Jugendbarockorchester Rheinland, mit dem sie unter anderem „Dido und Aeneas“ an der Oper Bonn realisierte. Ihre Freizeit verbringt Sylvie Kraus am liebsten mit Gehen. „Natürlich nicht auf Asphalt, sondern auf kleinen, abgelegenen Wegen. Es gibt in Europa viele Gebiete, in die die Wildnis zurückkehrt. In solchen Gegenden zu wandern, gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen.“ Anregen lässt sich Sylvie Kraus gerne von dem, „was Kollegen aus anderen Kunstsparten machen. Das kann mich richtig beleben.“ Neben der Musik, die sie selbst als Musikerin spielt, hört Sylvie Kraus am liebsten Jazz, „weil mich bei den Jazzmusikern der Umgang mit dem Metrum und die Improvisation so fasziniert. Es ist wie ein Moment auf einem anderen Kontinent.“ An ihrem Beruf liebt sie am meisten, dass „Musik zweckfrei und sinnvoll ist“.

 Text Sylvia Systermans